Das Prager Jesulein

Prag, die Stadt der goldenen Türme, wird auf der ganzen Welt verehrt. Türme und Türmchen gibt es hier wirklich zu Hunderten, im Panorama der Stadt gehören viele davon zu Sakralbauten. Nicht alle wissen jedoch, dass sich gerade in einem davon eines der bedeutendsten geistlichen Symbole Tschechiens befindet. Das Prager Jesulein wird im Ausland wesentlich stärker als irgendeine andere tschechische Gestalt oder Persönlichkeit verehrt. Von den Philippinen über Sri Lanka bis hin nach Südamerika hat das Jesulein Millionen von Herzen erobert; in Indien hat es seine eigenen Kommune, in Bangalore ist ihm die Kirche „Infant Jesus Shrine“ geweiht. Aber wie bekannt ist es in Tschechien?

Das Prager Jesulein

Das Gespräch mit Pavel Pola, dem Prior der Kirche Maria vom Siege, war für mich ein persönliches Erlebnis. Er enthüllte nicht nur das Geheimnis des Schatzes, der sich im Herzen Prags verbirgt, sondern bot auch einen Einblick in die Seele eines jungen Menschen, der sich freiwillig dazu entschieden hat, ein Helfer Gottes zu werden. Als Prager mit den Wässern der Moldau gewaschen, studierte er Medizin, bis er sich nach drei Jahren für ein Theologie-Studium entschied und in das Kloster in Slaný eintrat. Ein grundlegender Schritt, der sein gesamtes weiteres Leben beeinflussen sollte.

Pavel Pola

Gab es irgendeinen Moment der Entscheidung, der Sie auf den Gedanken brachte, sich auf einen geistlichen Weg zu begeben?

Ich war schon immer gläubig, aber der Gedanke, in ein Kloster einzutreten, wuchs nach und nach in mir heran. Ich bin einmal mit Freunden für ein Wochenende ins Karmelitenkloster in Slaný gefahren, um bei der Reparatur einer Mauer zu helfen. Ich bin dann später häufiger dahingefahren. Als ich meinen Kommilitonen von meiner Entscheidung erzählte, sagten sie: Jetzt wirst Du nicht den Körper heilen, sondern die Seele.

Was drei Tage im Leben eines Menschen alles bewirken können! Sie sind vor zwei Jahren Prior geworden. Ich muss zugeben, dass ich dieses Wort vorher nicht kannte. Was ist die Aufgabe eines Priors?

Er ist der Klostervorsteher. Er ist für den Lauf und Betrieb des Hauses zuständig, für das Klima in der Gemeinde, damit die Brüder gut miteinander auskommen und kommunizieren. Wir haben hier fünfzehn Mitarbeiter, das ist nicht wenig Arbeit. Dieses Jahr hatte ich nach langer Zeit zwei Wochen Urlaub und bin ins Zen-Kloster „Bodhi Zendo“ in Indien gefahren.

Gerade Sie müssen wegfahren, um zu meditieren?

Ich war allein, ohne Handy. Im normalen Kloster, in das Besucher aus der ganzen Welt kommen, war ich der einzige Geistliche, das war ein bisschen eine Ausnahme. Die Wahrheit ist, hier könnte ich vermutlich mein Handy nicht ausschalten. Als ich auf meine Reise gegangen bin, wussten das alle, und daher haben sie mich auch nicht angerufen. Ich habe eine große Veränderung gespürt; als ich zurückkam, habe ich plötzlich anders getickt.

Das Prager Jesulein kennen Menschen auf der ganzen Welt. Was würden Sie jemandem über das Jesulein erzählen, der darüber nichts weiß?

Offen gesagt denke ich, dass das in Tschechien komplizierter ist, aufgrund der hiesigen Religionsgeschichte. Es ist nicht so eine Selbstverständlichkeit wie in Ländern, in denen Sie überall religiöse Symbole sehen. Vielleicht ist das für uns Tschechen auch komisch… meine Freunde sagen, „Du bist da, wo sie mit der Puppe spielen“. Ich muss zugeben, ich habe selbst einen Weg gesucht, wie ich die ganze Situation auffassen kann, wie ich ihr gegenübertreten kann. Aber ich habe mir gesagt, dass da doch etwas mehr dran sein muss als nur die Attraktion, ein Kleidchen zu wechseln, wenn schon seit mehreren Jahrhunderten viele Pilger herkommen – und das sind nicht nur Touristen, die jeder Sensation hinterherhecheln. Ich habe verstanden, dass das Jesulein ein sehr starkes Symbol ist. Für mich ist der Kern des Wunders die Botschaft, dass Gott ein wehrloses Kind ist, das in einer zerbrechlichen Statue dargestellt wird, die kein Zepter als Symbol der Macht in der Hand hält, sondern mit ihrer kleinen Hand segnet. Was ich echt nicht leiden kann, ist religiöser Kitsch. Aber diese Statue ist sehr schön ausgearbeitet, das ist ein Kunstwerk. Papst Franziskus sagt, dass das Jesulein Gottes Zärtlichkeit spendet, und ich glaube, dass die Besucher – und ich – sie hier erleben. Vielleicht hören die Menschen beim Anblick des Jesulein auch auf, Angst zu haben … nicht nur Angst vor Gott, sondern auch vor der Situation, in der sie sich gerade befinden. Das kann der Mechanismus dieser Wunder sein. Wenn man dauernd vor etwas Angst hat, fürchtet man sich nicht nur, sondern man kann davon auch krank werden. Im Augenblick, in dem die Angst verfliegt, folgt die Gesundung.

Die Statue des Jesulein selbst hat fünfhundert Jahre Kämpfe, Kriege und Leiden überlebt und befindet sich dennoch in einem relativ guten Zustand. Die Karmeliten mussten Böhmen bereits 1784 verlassen, sie wurden von Kaiser Joseph II. vertrieben.

Der größte Feind des Jesulein waren die kommunistischen Machthaber, die alle Orden auflösten und in die Illegalität verbannten. Erst 1993 kehrten die Karmeliten in das Kloster zurück. Der Kult des Jesulein in Westeuropa und in Übersee hat diese Zeit jedoch überstanden, und gerade von hier kamen die ersten Stimmen, die nach einer Wiederbelebung der Pilgerstätte riefen. Aus den Überseegebieten kamen auch die ersten finanziellen und materiellen Hilfen, zum Beispiel in Form von Insignien und handgenähten Kleidern, in die das „neue Prager Jesulein“ gekleidet werden sollte. 

Wie ist es möglich, dass das Jesulein im fernen Ausland bekannter ist als hier?

Ins Karmelitenkloster kam die Statue 1628, als sie uns die verwitwete Polyxena von Lobkowitz mit den Worten „Verehrt sie, und es wird Euch an nichts mangeln“ stiftete. Das Jesulein erfreute sich bald großer Beliebtheit, es half den Menschen in den schwersten Augenblicken ihres Lebens. Als die böhmischen Missionare später in die Missionen im Ausland gingen, nahmen sie ein Bild oder eine Kopie der Statue mit. So gelangte das Jesulein auch in weit entfernte Länder. Heutzutage lässt sich feststellen, dass die meisten Besucher wegen dem Jesulein aus Südamerika kommen.

Steckt hinter dem Ritual der Einkleidung mehr als nur die Auswahl der Kleiderfarben anhand der kirchlichen Festtage?

Wir haben vor nicht allzu langer Zeit eingeführt, dass das Jesulein über Weihnachten ohne Kleid ausgestellt wird, nur in seinem Wachshemdchen. Die Statue in ihrer Schlichtheit wirkt sehr zerbrechlich. Die Kleider sind ein Ausdruck der Verehrung und der Dankbarkeit, Menschen aus der ganzen Welt und aus Tschechien schicken uns häufig Kleidchen. Ein Kleid, grün mit Spitze, wurde von Maria Theresia eigenhändig bestickt.

Wo werden die Kleider aufbewahrt?

Das Jesulein hat einen Kleiderschrank, in dem sich mehr als 300 Kleider befinden, es wird jedoch nur rund ein Zehntel davon genutzt. Darum kümmern sich zwei Schwestern, die wissen, welche Farben sie auswählen müssen. Die Auswahl der Kleider selbst liegt jedoch ganz in ihrer Hand.

Wo sehen Sie die Zukunft des Jesulein im heutigen, globalen Kontext?

Der Glaube, dass man das Jesulein berührt und ein Wunsch in Erfüllung geht, ist eine naive Vorstellung über Gott. Ich glaube eher, dass man hier einen starken Moment erleben kann, das etwas in einem zerbricht oder durchbricht, und dadurch kann im Leben eine Veränderung eintreten. Auch wenn jemand hier vielleicht nur eine Stunde verbringt, kann er etwas erleben, was die Dinge in Bewegung setzt.

Sie haben Ihre Magisterarbeit über die Freiheit in den Paulus-
briefen geschrieben. Wie sehen Sie unsere heutige Freiheit?

Die Menschen sehnen sich nach Freiheit, aber gleichzeitig lassen Sie sie sich sehr einfach nehmen. Wir müssen Freiheit lernen, wir müssen uns um sie kümmern. Gleichzeitig haben manche aber Angst vor ihr, weil sie auch Verantwortung bedeutet. Die Freiheit ist wichtig, um zu lieben. Ohne Freiheit gibt es keine Liebe. Wenn etwas unfrei ist, aus Zwang, dann kann es keine Liebe sein. Freiheit ist, dass ich mein Leben verwirklich kann.

Text: Danuše Siering

17. 12. 2019